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Dr. Hürrem Tezcan-Güntekin

  • LAGES-Fachtag "Migration und Alter" 23.09.2016
  • Bereits das Grußwort zum LAGES-Fachtag „Migration und Alter“, von Gari Pavkovic, Integrationsbeauftragter der Stadt Stuttgart, brachte zum Ausdruck, dass wir unseren Fokus von möglichen Integrationsdefiziten der Menschen auf deren (interkulturelle) Kompetenzen und Potenziale richten sollen. „Schätze bzw. Talente soll man nicht verstecken, sondern einsetzen: Seniorpartner mit und ohne Migrationshintergrund engagieren sich als Lesepaten, unterstützen benachteiligte Schüler beim Übergang von der Schule in den Beruf, helfen Flüchtlingen beim Ankommen und Klarkommen, entwickeln Angebote in Kulturvereinen, Begegnungsstätten oder Religionsgemeinschaften.“
    Gari Pavkovic, sprach sich für „kultursensible Dienstleistungen“ für ältere Migranten aus. So würden in Stuttgart bereits Wohngemeinschaften mit Menschen gleicher Sprache und gleicher Religion eingerichtet. Künftig sollten sich pensionierte Migranten verstärkt ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit und in der Schülerbegleitung einsetzen.

    Oberkirchenrat Baur rief zu einer engeren Zusammenarbeit von Landeskirchen, Diakonie und kirchlichen Werken im Engagement für älter werdende Migranten „wir werden unsere Probleme nicht einzeln und vereinzelt lösen können“. Alte Menschen dürften nicht nur als Empfänger von Pflege und Versorgung gesehen werden, sondern als Ressource für die Gesellschaft, betonte er.

    Im Worldcafe und in den Workshops fand ein reger Austausch zwischen deutschen und Menschen unterschiedlichster Herkunft statt. Viel Neues, neue Einsichten - auch Verständnis und aufeinander zugehen standen hier im Vordergrund.

    Dr. Hürrem Tezcan-Güntekin zeigte in ihrem Vortrag auf, dass das Meiste im Alter bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleich ist und nur Weniges anders. Generell kumulieren die sozialen Risiken im Alter und unterschiedliche Lebenslagen in der Biografie treten im Alter noch deutlicher in Erscheinung, z.B. durch Altersarmut - besonders bei Frauen, Einsamkeit und Isolation oder einem schlechten Gesundheitszustand.

    Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen nach der Definition im Mikrozensus "alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil" - mittlerweile trifft dies auf jeden fünften Menschen in Deutschland zu!
    In der Gruppe der über 65 Jahre alten Bevölkerung lag der Anteil heute bei unter 10 %, Schätzungen gehen für 2030 von 24 Prozent aus. Der Begriff „Mensch mit Migrationshintergrund“ schafft Distanz, da es „den Menschen“ mit Migrationshintergrund nicht gibt. Zu unterschiedlich sind die kulturellen Bezüge zum Herkunftsland, zu heterogen die Menschen. 

    Unterschiede im Alter:

    Die meisten älteren (türkeistämmigen MigrantInnen) verbringen im Rentenalter mehrere Monate im Herkunftsland. Dadurch brechen die sozialen Kontakte immer wieder ab. Allerdings ist die „Pendelmigration“ ein Lebensstil und wird als Ressource verstanden, da die Menschen in beiden Ländern „zu Hause“ sind.

    Aus einer Literaturstudie ergab sich, dass es zwischen den türkisch- und deutschstämmigen Befragten hinsichtlich der allgemeinen Wertschätzung des Alters‚ der Familienorientierung und der Verbundenheit kaum Unterschiede gibt. Dagegen gibt es eine große Differenz bei der Einschätzung familiärer Bindungen, der Erwartung von Hilfen und der Bereitschaft dazu sowie der aktiven Pflegeleistungen. Auch ging eine starke Ablehnung von Alters- und Pflegeheimen der türkischstämmigen Gruppe aus der Befragung hervor. Die Scham vor Annahme von Pflegehilfen ist besonders hoch, weil oft erwartet wird, dass dies die Familie übernimmt. Wenn sich keiner in der Familie findet, wird dies als Zurückweisung empfunden. Außerdem gaben die türkischstämmmigen Befragten an vor Pflegeeinrichtungen, Misstrauen und Angst zu haben- auch die Angst sich nicht mehr verständigen zu können.

    Zusammenfassend ist es wichtig, immer vom einzelnen Menschen her zu denken, da die Bedürfnisse der Menschen sehr heterogen sind und die Ressourcen jedes einzelnen Menschen anzuerkennen und zu fördern sind.

    >>> zur PPP von Dr. Hürrem Tezcan-Güntekin 

    Zum Abschluss wurden die vielen Mitwirkenden vom Vorsitzenden der LAGES, Richard Haug mit ein paar Zitaten und einer Packung Spätzle verabschiedet, die schließlich auch Migrationshintergrund hätten.

    Die Tagung „Migration und Alter“ ist eine Gemeinschaftsaktion der Evangelischen Erwachsenen- und Familienbildung in Baden und in Württemberg, dem Amt für Gemeindedienst der bayerischen Landeskirche sowie der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung. Es ist die erste Bildungskonferenz in Süddeutschland, die sich diesem Thema widmet.

    >>> zur Pressemitteilung über den Fachtag auf der Homepage der ELK

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