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Positionen zur Bundestagswahl (Diakonie Deutschland/Diakonie Württemberg)

Wählt Pflege

Positionen zur Bundestagswahl

In Vorbereitung auf die Bundestagswahl am 26. September hat die Diakonie Deutschland Forderungen an die Politik erarbeitet. Sie plädiert damit für eine Neujustierung des Sozialstaats nach Corona. Diakonie Württemberg hat ergänzt.

Sie finden die Forderungen – auch in leichter Sprache - sowie weiterführende Informationen der Diakonie Deutschland an dieser Stelle.
Die Diakonie Württemberg hat die vorgelegten Forderungen um wenige Punkte ergänzt, die aus ihrer Sicht an entsprechenden Stellen ebenfalls mit in die politische Kommunikation einfließen sollten.

Gespräch mit Winfried Speck, dem neuen Vorsitzenden der LAGES

Tisch von oben mit Laptop, Smartphone, Notizheft und Blumenstraß

Gespräch mit Winfried Speck, dem neuen Vorsitzenden der LAGES

Eigentlich hätte dieses Gespräch in einer Hotellobby, in einem Café oder zumindest in einem Büro stattfinden sollen. Aber wie fast immer im vergangenen Jahr trafen wir uns auch diesmal nur im virtuellen Raum. Doch auch das war schön: bei Winfried Speck schob sich eine beeindruckende Bücherwand ins Bild, ansonsten kam auch viel Licht von einem großen Fenster in den Raum. Er selbst saß sehr entspannt und zugleich konzentriert vor der Kamera. Beim ‚Warmreden‘ gab es viel Gelächter und wir rutschten fast unbemerkt in das richtige Gespräch, so dass ich beinahe vergaß, den Aufnahmeknopf zu drücken. Grade noch rechtzeitig fiel es uns aber ein. Puuuh…

 

Fuchs

Wir hatten im Vorfeld schon per Mail das Thema der sog. Impfneid-Debatte gestreift. Das würde ich gerne als Ausgangspunkt nehmen. Diese Debatte, bei der ich mich frage, ob es sie tatsächlich gibt oder ob das eher medial ein wenig aufgebauscht wird. Aber unabhängig davon macht sie trotzdem klar, dass die Corona-Zeit ein Licht auf die Beziehungen der Generationen untereinander geworfen hat.  Hat sich da etwas womöglich verschärft?

Speck

Ich habe den Eindruck, dass die Pandemie manche Fragestellungen, die schon immer da waren, vertieft hat. Das gilt für die Beziehungen der Generationen untereinander wie auch für die Spaltung in der Gesellschaft. Auf diesem Hintergrund sehe ich jetzt auch diese „Neiddebatte“. Sie wird schon auch medial stark gepusht, wie ja sowieso die Verschwörungsleute und Coronaleugner eine Riesenpresse haben. Nach den Umfragen hat ja eigentlich eine sehr große Mehrheit der Bevölkerung die Maßnahmen der Bundesregierung gestützt. Ein Teil setzte sich ja sogar für noch härtere Maßnahmen ein. Demgegenüber tun die Medien, gerade auch die sozialen Medien, allem Anschein nach einiges dazu, die Unterschiede, die da sind, noch zu vergrößern und Konflikte zu schüren.  Man hat auch den Eindruck, dass eine politische Partei dies sehr aktiv unterstützt und eigentlich eine ganz andere Politik möchte.
Ich finde diese Entwicklung sehr bedauerlich, weil die Corona-Pandemie eigentlich ja dazu führen hätte können – und so sah es ja am Anfang auch aus!  –, dass wir enger zusammenrücken und zunächst die Schwächsten versuchen zu schützen. Doch leider ist von dieser Stimmung von vor einem Jahr offensichtlich wenig übriggeblieben.

Fuchs

Ein gutes Stichwort: „Schwächste“. Diese Reduzierung auf das Bild des schwachen und schützenswerten Menschen im Rahmen der Pandemie war ja etwas, was auch sehr kritisch hinterfragt wurde. Ältere Menschen, die zuvor noch die ‚Best Agers‘, die ‚jungen Alten‘ usw. waren, wurden plötzlich alle zu schwachen und schützenswerten Menschen. Sollte man da, auch als Kirche, als LAGES, dagegen steuern, damit wieder diese Vielfalt des Älterwerdens stärker zum Vorschein kommt?

Speck

Aufgabe der Kirche und insbesondere der LAGES ist es meiner Ansicht nach, für ein differenziertes Altersbild einzutreten. Ja, es gibt die Schwäche, die hohe Verletzlichkeit, die Vergänglichkeit des Lebens.  Doch das Alter beinhaltet noch mehr. Da ist auch die Erkenntnis (sie ist nicht neu, doch tritt sie in dieser Krise wieder besonders hervor), dass ältere Menschen mit Krisen häufig besser umgehen können, resilienter sind, weil sie schon viele Lebenserfahrungen gesammelt haben. Sie haben viel erlebt an Abbrüchen, an Umbrüchen, an nicht erfüllbaren Wünschen und Planungen.  Auch an Schicksalsschlägen, Krankheit, Verlusten. Aber auch an Hoffnung, Mut, neuen Perspektiven, Kräften, die einem zuwachsen. Dies gehört zum Potenzial älterer Menschen; dies gehört zur Weisheit des Alters.  Diese Sicht des Alters kennen wir auch aus vielen anderen Kulturen. Wir sollten diese Ressourcen älterer Menschen für unser Zusammenleben ganz stark machen, gerade jetzt und für die kommende Zeit.

Fuchs

Genau, das würde ich auch ganz dick unterstreichen, dieses Potenzial. Doch wie könnte man das auch jetzt aktuell nutzen? Vor allem im Hinblick darauf, dass gerade die Jüngeren momentan schon zurecht sagen: Huch, jetzt haben wir uns über ein Jahr zurückgenommen, und jetzt werden Grundrechte und Freiheiten zurück gegeben an diejenigen, die geimpft sind – und das sind meistens Ältere. Und wo bleiben wir? Wann werden wir endlich mal berücksichtigt? Könnte man genau hier vielleicht die eben genannten Stärken des Alters nutzen, um sich den Jüngeren gegenüber auf irgendeine Weise solidarisch zu verhalten?

Speck

Ja, das ist dran, finde ich. Auf der einen Seite das Hinschauen und darauf Hinweisen, was da gelaufen oder eben nicht gelaufen ist, gerade für Kinder und Jugendliche und ihre Eltern.  Dass die, wenn nicht vergessen, dann doch sehr am Rand des Blickfelds waren und dass dies unserem Bild von Generationengerechtigkeit widerspricht. Wenn ich dran denke, dass es an vielen Orten jetzt noch immer nicht gelungen ist, für die Schulen Luftfilter anzuschaffen oder warmes Wasser an den Waschbecken, dann ist dies ein Beispiel dafür. Da muss einiges aufgearbeitet und verbessert werden. Neben politischen Forderungen sehe ich allerdings auch die Frage: Was kann ich selbst tun? Wo kann ich in der Nachbarschaft oder in der Bekanntschaft als älterer Mensch helfen? Vielleicht ja Begleitung, Unterstützung für Kinder oder Jugendliche anbieten, dabei zunächst einmal hören, worum es geht und dann schauen, wo und wie ich mich einbringen kann, noch besser: wo und wie wir uns einbringen können? Das sehe ich auch als eine Aufgabe für Kirche und Diakonie, solche Angebote in den Blick zu nehmen, sie zu organisieren und Rahmenbedingungen zu schaffen, damit gerade auch ältere Menschen ihre Potenziale einbringen können.  

Fuchs

Ja, z.B. gibt es doch so Leih-Großelternschaften oder ähnliches. Das Einbringen wäre dann ja in beide Richtungen positiv: nicht nur für die Älteren, sondern auch z.B.  dass die jüngere Generation merkt: die Älteren sind ja ganz anders, als wir gedacht haben. Also dass sich Altersbilder verändern. Das wäre ja auch in diese Richtung sehr positiv.

Speck

Genau! Da entsteht dann Begegnung, Beziehung, aufeinander hören, mit Respekt einander begegnen. So geschieht Generationenübergreifendes ganz praktisch. Ich weiß von kirchlichen und diakonischen Initiativen, solche Begegnungen und Patenschaften zu organisieren. Und dann miteinander zu schauen: was geht da vor Ort, mit der Kommune, mit den Schulen, mit den Vereinen, mit diakonischen und anderen Einrichtungen. Das ist eine lohnende Aufgabe, sich da als LAGES, als ältere Menschen einzusetzen, Augen, Ohren, Mund, Hände und Herz offen zu halten und zu schauen, wo kann ich mit meinen Gaben und Ressourcen unterstützen, dabei sein und so auch selbst etwas Neues erfahren! Dafür haben wir jetzt auch zusätzlich Potenzial mit dem Projekt „Aufbruch Quartier“.

Fuchs

Inwiefern ist es dann aber noch sinnvoll, in generationell oder sonstwie abgeschlossenen Gruppen zu denken, wie das auch innerhalb der Kirche noch sehr verbreitet ist, nämlich dass es jeweils eigene Arbeitsbereiche für Frauen, Männer, für Ältere, für Jüngere gibt, die doch teilweise sehr unter sich und in sich geschlossen bleiben. Müsste man das nicht stärker aufbrechen? Gleichzeitig braucht es das aber, diesen Fokus auf einzelne Gruppen. Kann man diese Ambivalenz irgendwie auflösen?

Speck

Ich bin der Meinung, dass die Versäulung, aus der wir kommen, ihre Zeit hatte, jedoch an ihr Ende kommt.  Wir stehen vor Entwicklungen, die uns auch in der EAEW-Arbeit viel mehr noch zusammenführen. Ich würde die verschiedenen Arbeitsbereiche nicht auflösen. Doch sollten wir genau hinschauen, wo wir stärker zusammenarbeiten und wo wir Ressourcen gemeinsam besser nutzen können, gerade wenn sie jetzt weniger werden. Es ist einfach an der Zeit, dass wir Kompetenzen zusammenlegen, Synergien herstellen und dabei auch merken, dass das bei aller Mühe sogar Freude machen kann. Wir stellen dabei auch fest, dass wir gar nicht so wenige sind und gemeinsam viel bewegen können. Dies gilt für mich für Kirche und Diakonie insgesamt so. Möglicherweise hat die Corona-Pandemie auch die Folge, dass wir hier einen Schritt weiterkommen. Und das wäre gut so!

Fuchs

Ein guter Ansatzpunkt, der schon angesprochen wurde, ist das Projekt „Aufbruch Quartier“, das eigentlich vorführt, wie das zukünftig vielleicht aussehen könnte, wenn ganz verschiedene Kompetenzen zusammenkommen, um gemeinsam etwas zu entwickeln und vorwärts zu bringen.

Speck

Was mir gut gefällt im Quartier: da sind auch andere Player mit drin, auch außerkirchliche. Ich finde wichtig, dass wir einen Blick nach außen haben, über uns hinaus. Nicht nur – aber natürlich auch – zur Caritas und katholischen Kirche. Aber auch darüber hinaus: Wer ist denn da noch im Quartier, was gibt es da schon, wo können wir uns mit einbringen? Nicht um darin unterzugehen oder aufzugehen, sondern um unsere Ressouren, unser besonderes Menschenbild, Glaube, Hoffnung, Liebe mit reinzubringen.

Fuchs

Wir sollten zeigen, dass wir in diesem Gefüge tatsächlich ein wichtiger, verlässlicher und guter Player sind.

Speck

Es ist unsere Grundaufgabe: „Gehet hin!“ Nicht: „Wartet, bis die alle kommen“, das wird so nicht sein. Sondern: „Geht hin!“. Schaut, wo was los ist.
Nach Ostern heißt es mal im Evangelium zu den Jesus-Leuten: „Geht zurück nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen.“ Also dort wo ihr herkommt. Dort wo ihr arbeitet. Dort wo ihr lebt. Dort werdet ihr Christus erfahren. So kann das Aufbrechen und Hingehen gerade auch in geistlicher Sicht gewinnbringend sein und werden.

Fuchs

Das stimmt. Emmanuel Richter zeigt in seinem Buch „Seniorendemokratie“ (Berlin: Suhrkamp 2020), dass es überwiegend oft ältere Menschen sind, die sich vor Ort, in ihrem Quartier engagieren.  Jüngere Menschen sind da aus unterschiedlichen und nachvollziehbaren Gründen zurückhaltender. Dieses Engagement der Älteren kann ja politisch, kirchlich, im Verein usw. sein. Damit wird sichtbar, dass Politik, Demokratie, Leben direkt vor der Haustür, im sozialen Nahraum stattfindet.

Speck

Dann ist es ja auch nur noch ein kleiner Schritt bis dahin, was ich neulich gelesen habe: Die Jungen waren solidarisch mit den Alten in der Pandemie, die Alten sind jetzt solidarisch mit den Jungen in der Klimakrise. Dazu hat die LAGES 2019 mit ihrem Papier „damit unsere Enkel gut leben können“ viele Anstöße gegeben, regional und saisonal einkaufen etwa, weniger Auto fahren, weniger Fleisch essen….

Fuchs

Ja, da hat die LAGES, oder Kirche insgesamt sehr gut vorgelegt.

Speck

Wir müssten uns selbst noch stärker bewusst machen, dass wir da schon vieles haben, auch viele tolle Leute, die sich einsetzen für ein gutes Miteinander, für Toleranz, für Nachbarschaft, für den Nahraum, für Demokratie, für den Klimaschutz. Überhaupt für dieses – manchmal so schwierige – Zusammenleben!  Das wird nach wie vor sehr gefragt sein. Gerade bei uns Älteren, die wir ja doch etwas mehr im sozialen Nahraum unterwegs sind, - und doch nicht so sehr, wie dieses schöne Vorurteil geht, nur im Wohnmobil in der Welt herumfahren. Die allermeisten sind die meiste Zeit ja da! Viele suchen auch Aufgaben und sind ganz froh, wenn sie angesprochen werden: „Wir haben da was, könntest Du da mitmachen?“

Fuchs

Das stimmt. Neulich meinte auch ein jüngerer Klimaaktivist, dass dieses Klimaschutz-Thema ja keine Erfindung seiner Generation sei, sondern dass ja die Kirchen in den 1980er/90er-Jahren unter dem Stichwort „Bewahrung der Schöpfung“ schon absoluter Vorreiter in dem Thema waren.

Speck

Wir sind an vielen Stellen eher dabei, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Das Gegenteil sollten wir tun!

Fuchs

Einen Ausblick noch zum Schluss: wohin soll die LAGES steuern? Was sind Deine Wünsche und Vorstellungen?

Speck

Ich habe den Eindruck, auch von unserer neuen Ordnung her, von all den Statements, die es bisher schon gibt: da ist unheimlich vieles da! Da ist der besondere Blick auf die älteren Menschen. Auf das differenzierte Altwerden und Altsein, mit seinen Risiken und seinen Ressourcen, mit dem Thema: was kann uns helfen für ein gutes Altwerden. Neben all dem, was wir da in unserem Land alles haben an äußerer Unterstützung, spielt da auch die Spiritualität eine große Rolle. Was uns trägt, hält, Mut macht, also die geistliche Dimension des Lebens sehe ich weiterhin als ein ganz starkes Element der Arbeit der LAGES. 
Mir gefällt neben diesem besonderen Blick auf die Älteren das starke Eintreten für das Generationenübergreifende, für das Gemeinwohl. Gemeinsam sind wir Kirche. Gemeinsam sind wir Gesellschaft. Wenn das gekoppelt ist mit der Bündelung von Gaben, Kompetenzen und Ressourcen von Menschen aus Kirche und Diakonie und darüber hinaus mit dem „Aufbruch ins Quartier“, ist das für mich eine vielversprechende Perspektive!

Fuchs

Ein schöner, vielversprechender Ausblick. Wir freuen uns. Allerbesten Dank!

 

 

 

 

 

 

 

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